„In Deutschland gibt es nicht mehr und auch nicht weniger Rassismus als in anderen Ländern“[1], schreibt Tupoka Ogette in ihrem Buch „exit RACISM“. Rassismus ist in Deutschland strukturell, institutionell, zwischenmenschlich und verinnerlicht – tritt also in verschiedenen Dimensionen auf. Dies bestätigte auch ein Bericht der Arbeitsgruppe von Sachverständigen der Vereinten Nationen zu Menschen afrikanischer Abstammung in Deutschland 2017: „Trotz der Förderung von Multikulturalität und Vielfalt durch Deutschland und der […] positiven Maßnahmen ist die Arbeitsgruppe tief besorgt über die Menschenrechtssituation von Menschen afrikanischer Abstammung in Deutschland“[2], heißt es in der Schlussfolgerung der Expert*innen. Außerdem hält der Bericht fest, dass das Leben von Menschen afrikanischer Abstammung von Rassismus, negativen Stereotypen und strukturellem Rassismus geprägt sei.[3] Sie seien Zielscheibe und Opfer von rassistischer Gewalt und Hassverbrechen.[4] Und wie reagierte die Bundesregierung auf den Bericht? Diese begrüßte ihn als einen „Diskussionsbeitrag“ und mahnte „Missverständnisse und Ungenauigkeiten“ an.[5]
„Deutschland ist nicht USA. Wir haben hier kein Rassismusproblem in der Polizei“[6], wird der baden-württembergische CDU-Innenpolitiker Thomas Blenke in einem Artikel der ZEIT über das Berliner Antidiskriminierungsgesetz zitiert. Und Horst Seehofer teilte über einen Sprecher folgendes mit: „Der Vorwurf eines latenten Rassismus in der deutschen Polizei stößt bei mir auf absolutes Unverständnis.“[7] Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd zeigen viele auf die USA. In Deutschland sei die Situation nicht so schlimm, heißt es oft. Gleichzeitig schaffte es der Tod von Floyd auch hier eine echte Debatte zu entfachen. Warum erst jetzt? Anlässe für eine Debatte über Rassismus in Deutschland gab es schon zu viele. Warum nicht nach dem Tod von Oury Jalloh? Nach dem NSU? Nach Hanau? Es ist schwer zu begreifen, dass wir erst Mitte 2020 angemessen darüber sprechen. Und gleichzeitig besteht die Gefahr, dass das Thema bald wieder aus den Talkshows, Zeitungen und der Gesellschaft verschwindet. Warum tut sich Deutschland so schwer mit Rassismus? Die Gründe dafür liegen in der deutschen Geschichte[8]: Zum einen im Umgang mit dem Nationalsozialismus und Holocaust und zum anderen und gleichzeitig mit ersterem verwoben, in der mangelhaften Aufarbeitung der Kolonialzeit.
Deutschland hat den Holocaust zu verantworten und trägt mithin eine schwere kollektive Schuld, die für Ogette dazu führt, dass vor allem weiße Deutsche alles, was mit dem Begriff Rassismus in Verbindung steht, aus ihrem kollektiven Bewusstsein und vor allem aus ihrem Selbstbild verbannt haben.[9] Rassismus wurde in die rechte Ecke geschoben, was für Ogette nicht nur eine Verdrängung des Themas, sondern auch eine enorm moralische Aufladung des Begriffs zur Folge habe.[10] Rassismus werde dadurch nicht als System verstanden, sondern als vorsätzliche Handlung einer einzelnen Person.[11] Es geht also um die deutsche Identität. Das Verhältnis zwischen dem Deutschen Reich und der Bundesrepublik Deutschland wird gemeinhin als Bruch verstanden, weil das Selbstverständnis Deutschlands als Demokratie und Gesellschaft, die Menschenrechte achtet, als ein Gegenentwurf, zu dem von extremem Rassismus und Antisemitismus geprägten Nationalsozialismus angelegt ist.[12] Deutschland ist eine Gesellschaft, die – zumindest meint – in der Aufarbeitung ihrer rassistischen Vergangenheit im Dritten Reich zur Demokratie gefunden zu haben und diese mithin gefestigt hat.[13] Rassismus kann und darf es hier also eigentlich gar nicht geben. Daher wird bzw. wurde auch das Wort ‚Rassismus‘ in Deutschland nur ungern verwendet, weil es zu sehr an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert.[14] Und mit der Fußballweltmeisterschaft 2006 schien es, dass die Deutschen nun auch die „schwere Last“ des Holocausts und Nationalsozialismus abschüttelten.[15] Der Publizist Sergey Lagodinsky schrieb 2010 dazu folgendes:
„Deutsche sind aus dem schuldgeplagten nationalen Dornröschenschlaf aufgewacht. […] Es [das neue deutsche Bewusstsein] ruft nach Normalität und gründet sie auf gelungen durchgeführte Fußballmeisterschaften […].“[16] Als der Historiker Jürgen Zimmerer 2003 zum ersten Mal in einem Aufsatz auf das Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust einging, führte dies zu einer aufgeregten Debatte und persönlich-diffamierenden Attacken.[17] Zimmerer erklärt sich diese Reaktionen so: „Wenn die Verbrechen des Dritten Reiches in Traditionen standen und Vorläufer hatten, die über den Antisemitismus und die unmittelbare Vorgeschichte der Nazi-Herrschaft in der Weimarer Republik hinausgingen, [dann] konnte man die 12 Jahre [der] Nazi-Herrschaft nicht mehr länger gleichsam aus der deutschen Geschichte herauspräparieren.“[18] Auch er bezieht sich auf die deutsche nationale Identität und argumentiert, dass die strikte Scheidung der Geschichte des Dritten Reichs vom Rest der deutschen Geschichte vielen geholfen habe, sich mit der deutschen Geschichte zu arrangieren.[19] Zimmerer argumentiert, dass eine globale und postkoloniale Perspektive auf die Forschung zum Dritten Reich nützlich sei, denn „nur die Kenntnis des Allgemeinen erlaubt die Identifizierung des Einzigartigen.“[20] Mit seiner postkolonialen Perspektive will Zimmerer außerdem gerade nicht erklären, warum die Nationalsozialisten an die Macht kamen, sondern vielmehr in welcher Tradition deren imperiales Eroberungsprogramm stand, welche Vorbilder sie für einen neuen Versuch mit Kolonialismus hatten und welche Legitimationsmuster hierfür zu Verfügung standen, um den viel beschworenen Zivilisationsbruch zu kaschieren.[21]
Die Deutschen tun sich also schwer mit Kolonialismus.[22] Wenn es um die Kolonialzeit geht, dann denken viele weiße Deutsche, dass wir damit nichts zu tun hätten oder zumindest nicht „so schlimm“ gewesen seien, wie Großbritannien, Frankreich, Portugal oder Spanien. Begründet wird diese Aussage häufig damit, dass die koloniale Herrschaft vergleichsweise kurz ausgefallen sei, nur wenig Gebiete unter deutscher Kolonialherrschaft gewesen seien und dort weniger grausam agiert worden sei.[23] Ich selbst hatte damals in der Schule nur eine oder zwei Sitzungen zu Deutschlands „Platz an der Sonne“, in denen es um den „Aufstand“ der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika ging. Mehr nicht. Ich habe nichts über deutsche Kaufleute gelernt,[24] die sich bereits im 15. und 16. Jahrhundert an der europäischen Expansion beteiligten oder über die Strategie der „verbrannten Erde“ in Deutsch-Ostafrika – eine Strategie, die auch später von der Wehrmacht genutzt wurde. Genauso habe ich nicht in der Schule gelernt, dass die ersten deutschen Konzentrationslager nicht im Nationalsozialismus entstanden, sondern im heutigen Namibia, wo die Deutschen zudem einen Genozid an den Herero und Nama begangen. Und „bis heute tut sich Deutschland schwer, die Verantwortung für diese Gräueltaten zu übernehmen“[25], leitet keinen Prozess der gesellschaftlichen Aufarbeitung ein und will keine Reparationszahlungen an die Nachfahr*innen der Herero und Nama direkt leisten.
Neben dieser kolonialen Amnesie sind die verharmlosenden Stereotype so verbreitet wie eh und je.[26] In TV-Dokumentationen wird die Kolonialzeit als „exotischer Kitsch“ und kuschelig dargestellt.[27] Es gibt rassistische sowie geraubte Kunst in Museen, Kolonialverbrecher werden durch Straßennamen und Denkmäler geehrt, rassistische Fremdbezeichnungen finden sich in der Stadt, Firmenbezeichnungen, es gibt Fastnachtsvereine, die Blackfacing betreiben und sich als Kolonialherren verkleiden – die Liste ist lang. Diese „auffällige Gedächtnislücke, die unsere deutsche Öffentlichkeit in Bezug auf die Schwarze Präsenz und Geschichte in Deutschland und Europa aufweist“[28] ist bezeichnend. Es geht auch hier um Macht, denn Zeitdokumente und Überlieferungen, die Einzug in historische Archive und Geschichtsbücher halten, stammen in der Regel von Mächtigen.[29] Die Geschichtsschreibung ist von weißen Menschen geprägt – selbstverständlich gibt es auch eine Schwarze deutsche und europäische Geschichtsschreibung, jedoch wird diese von der Mehrheit ignoriert.[30]
„Wessen Erinnerung zählt?“, fragt Mark Terkessidis in seinem gleichnamigen Buch. In kaum einem Land spielen Fragen der Erinnerung eine so große Rolle wie hier in Deutschland.[31] Wenn Kolonialismus jedoch nicht aufgearbeitet wird, kann er die Gegenwart mental ungebrochen prägen.[32] Doch sich zu erinnern, heißt auch handeln zu müssen. Es bedeutet Arbeit, denn „nichts wird danach so sein, wie es war“[33]. Und mit der Debatte über die koloniale Vergangenheit geht auch eine Debatte über Rassismus einher.[34] Wir dürfen in Deutschland unsere Erinnerungskultur nicht allein auf den Holocaust beschränken. Auch der Holocaust ist noch lange nicht ausführlich aufgearbeitet. Doch darf es keinen „Wettbewerb der Erinnerungspolitik“[35] geben, wie es die indische Wissenschaftlerin Nikita Dhawan in einem Interview mit dem Deutschlandfunk so treffend formuliert hat. Vielmehr müssen wir das Vermächtnis von Holocaust und Kolonialismus zusammendenken und gleichzeitig unterscheiden.[36]
Die Gründe auf die Frage, warum sich Deutschland so schwer tut mit Rassismus, sind vielfältig und doch miteinander verknüpft: von dem Holocaust und dem Dritten Reich, deutscher Identität, über fehlende Aufarbeitung und Bildung, hin zu Abwehr von Schuld. Wir müssen Rassismus endlich als ein in der deutschen Gesellschaft dauerhaft präsentes Problem auffassen.[37] Damit geht einher, dass wir uns mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen und diese auch wirklich aufarbeiten und Verantwortung übernehmen müssen. Die deutsche Kolonialgeschichte von Kaufleuten wie beispielsweise den Familien Fugger und Welser aus Augsburg, Alexander von Humboldt, Adolf Lüderitz, der Genozid an den Herero und Nama, dem Kolonialkrieg in Deutsch-Ostafrika und den anderen deutschen Kolonien oder imperialen Bestrebungen wie der Osterweiterung müssen Teil der deutschen Erinnerungskultur werden. Um gerade nicht in einen „Wettbewerb der Erinnerungskultur“ zu verfallen, halte ich den Ansatz einer postkolonialen Perspektive für sinnvoll. So können Kontinuitäten ermittelt sowie analysiert und gleichzeitig Unterschiede erkannt werden. Der Holocaust gehört zur Identität Deutschlands. Sich dessen zu verschließen, führt dazu, dass sich diese Gesellschaft mit Rassismus schwertut, weil sie nun wieder erleichtert die Deutschlandfahne schwingen und dabei offenbar die gleiche Nationalhymne singen will, die auch die Nazis gesungen haben. Diese Schuld wird niemals verbüßt sein. Von der Vergangenheit kann man sich nicht derart freimachen. Ich trage keine unmittelbare Schuld für die Verbrechen der Vergangenheit, doch bin ich Teil dieser Gesellschaft und mithin auch Teil der kollektiven Schuld. Ich bin Teil eines Systems und folglich auch Trägerin von verschiedenen Privilegien. Daher ist es meine Pflicht Verantwortung zu übernehmen und niemals zu vergessen. Das gilt für den Holocaust, für den Genozid im heutigen Namibia, für die vielen weiteren deutschen Verbrechen und für Rassismus heute. Kolonialgeschichte und Rassismus gehören zu Deutschland. Es muss endlich klar werden, dass Rassismus nicht „nur“ als vorsätzliche Handlung einer individuellen Person auftritt. Rassismus hat in Deutschland System – in der Polizei, in den Behörden, in der Politik, im Recht, in der Schule, in Unternehmen… Darüber müssen wir 2020 angemessen sprechen und dieses System verändern, denn diese Auseinandersetzung ist schon lange überfällig. Rassismus grenzt aus. Rassismus verletzt. Rassismus tötet. Es geht hier nicht um eine theoretische Diskussion über „politisch korrekte“ Sprache in dem Feuilleton einer Zeitung, wobei wir auch darüber sprechen müssen, sondern um ein reales, gesellschaftspolitisches Thema: Was für ein Deutschland soll Deutschland in Zukunft sein?
[1] Ogette, 2019, S. 87.
[2] United Nations, A/HRC/36/60/Add.2, S. 12.
[3] Vgl. United Nations, A/HRC/36/60/Add.2, S. 12.
[4] Vgl. United Nations, A/HRC/36/60/Add.2, S. 12.
[5] Vgl. United Nations, A/HRC/36/60/Add.4.
[6] ZEIT ONLINE, 2020.
[7] Spiegel, 2020.
[8] Vgl. Ogette, 2019, S. 87.
[9] Vgl. Ogette, 2019, S. 87.
[10] Vgl. Ogette, 2019, S. 87 f.
[11] Vgl. Ogette, 2019, S. 88.
[12] Vgl. Kaletsch/ Glittenberg, in: Dürr/ Becker, 2019, S. 35.
[13] Vgl. Geulen, 2015, BPB online.
[14] Vgl.Terkessidis, 2019, 13.
[15] Vgl. Czolleck, 2019, S. 38.
[16] Lagodinsky, 2010, in: Belkin/ Gross, S. 168.
[17] Vgl. Zimmerer, 2011, S. 9.
[18] Zimmerer, 2011, S. 9.
[19] Vgl. Zimmerer, 2011, S. 10.
[20] Zimmerer, 2011, S. 25.
[21] Vgl. Zimmerer, 2011, S. 30.
[22] Vgl. Zimmerer, 2011, S. 14.
[23] Vgl. Arndt, 2020, S. 76.
[24] Vgl. Terkessidis, 2019, 19.
[25] Ogette, 2019, S. 49.
[26] Vgl Grill, 2019, S. 252.
[27] Vgl Grill, 2019, S. 252.
[28] Sow, 2018, S. 110.
[29] Vgl. Sow, 2018, S. 110.
[30] Vgl. Sow, 2018, S. 110.
[31] Vgl. Terkessidis, 2019, S. 9.
[32] Vgl. Arndt, 2020, S. 113.
[33] Arndt, 2020, S. 113.
[34] Vgl. Terkessidis, 2019, 13.
[35] Riedel, 2020, Deutschlandfunk Kultur online.
[36] Vgl. Riedel, 2020, Deutschlandfunk Kultur online.
[37] Vgl. Geulen, 2015, BPB online.
